Liebe Pilgerinnen und Pilger,

Auch wenn in diesem Jahr in der großen Pilgerzeit Wallfahrten nicht stattfinden können, ist die Pilgerzeit doch eine Zeit des Gebetes. Die Gemeinschaft mit dem Apostel Matthias lenkt dazu unseren Blick auf das, was im Jahr 30 in Jerusalem und Galiläa geschah. Jesus zeigte sich als der Lebende. Gott, der Vater, hatte ihn durch sein machtvolles Eingreifen von den Toten auferweckt. Matthias sollte mit den anderen im Zwölferkreis den Menschen das verkünden:

„Diesen Jesus hat Gott auferweckt. Dafür sind wir Zeugen.
Nachdem er durch die machtvolle Hand Gottes erhöht worden war und vom Vater den verheißenen Heiligen Geist empfangen hatte, hat er ihn ausgegossen, wie ihr seht und hört“ (Apg 1,32.33).

Liebe Pilgerinnen und Pilger,
viele von euch haben sich schon von dem Leitwort „Pilgerwege im Herzen“ anregen lassen. Was sonst mit den Füßen gemacht wurde, kann jetzt im Herzen geschehen: angesprochen sein, - aufeinander hören, - Gemeinschaft erfahren, - sich Jesus zuwenden, - getröstet, gestärkt und ermutigt werden.

Die Botschaft des Apostels, dass Jesus lebt und wirkt, gilt für uns auch in der Zeit der gegenwärtigen Krise. Diese Botschaft bewegt uns jedes Jahr. Es kommt jetzt darauf an, dass wir eine Hoffnung haben, von der wir wissen, dass sie nicht trügt. Wir können uns auch daran erinnern, was wir im Jahr 2017 „Einmütig im Gebet“ bedacht haben, warum und wie wir beten und im Gebet Gemeinschaft miteinander finden können.

Bitten wir Jesus Christus, dass er uns erfahren lässt, was er mit dem Versprechen seiner Freundschaft gemeint hat.

Für die Erzbruderschaft des Apostels Matthias

Bruder Athanasius

Pilgerwege im Herzen

Das Leitwort für das Pilgerjahr 2020 ist aus dem Psalm 84 genommen. Dieser Psalm wurde von den Israeliten gesungen, die zum Tempel in Jerusalem pilgerten. Die Tempelsänger haben das Lied später in ihr Liederbuch aufgenommen. Ganz bestimmt hat auch Jesus diesen Psalm gesungen, wenn er zu einem der großen Feste nach Jerusalem hinaufzog.
In Vers 6 des Psalms heißt es in der neuen Übersetzung:

Selig die Menschen, die Kraft finden in dir,*
die Pilgerwege im Herzen haben.

Dass die Beziehung zu Gott für den, der an ihn glaubt, Schutz und Kraft in allen Bedrängnissen bedeutet, war im Leitwort des vergangenen Jahres zum Ausdruck gebracht worden: „Meine Kraft und mein Lied ist der Herr“. Wer mit dem Psalm 118 diese Worte sagt, schaut auf eine Erfahrung zurück und ist dankbar. Weil also dieses Element schon im Leitwort 2019 zur Sprache kam, wurde für 2020 aus Psalm 84 nur der zweite Teil des Verses genommen, der auf die Zukunft ausgerichtet ist.
Was sagt das Bildwort vom „Herz“?
In der Sprache aller großen Kulturen bezeichnet es die Grunderfahrung des Menschen, dass es in ihm ein Zentrum der Lebenskraft gibt. Das nennt man heute häufig die Personmitte. In der Bibel steht es für die Quelle der seelischen Bewegungen und für den Wurzelgrund der Begabungen. Es geht dabei nicht nur um Gefühle wie Liebe und Mitleid. Es ist auch der Sitz von Funktionen des Verstandes wie Planen und Entscheiden und von Tugenden wie Mut und Tapferkeit. Schließlich wird vom Herzen gesprochen, wenn es um die Beziehung zu Gott geht: Jahwe, der Gott Israels, berührt den Menschen im Herzen mit seiner Gnade, der Lebenskraft, die von ihm ausgeht. Dort wirkt auch sein Geist. Gott erwartet seinerseits, dass er vom Menschen geliebt wird „aus ganzem Herzen“. Es geht also um die Tiefendimension der Persönlichkeit.
Was sagt das Bildwort vom „Pilgerweg“?
Auch dieses Wort gibt es nicht nur in der Bibel, sondern auch in der Sprache der Weltreligionen. Der Mensch nimmt die Mühe des Weges auf sich, um der Zuwendung zur Gottheit oder zum Zentrum der Religion, dem Heiligen, persönliches Gewicht zu geben. In Israel war der bedeutendste Ort der Tempel in Jerusalem, als Stätte der besonderen Gegenwart Gottes. Der „Pilgerweg“ erinnerte stets an den Weg durch die Wüste in das Gelobte Land. Er wurde dann zum Symbolwort für die Bewegung menschlichen Lebens auf ein Ziel hin.
Was bedeutet das für das Pilgern nach St. Matthias?
Pilgern ist nicht nur, dass man sich aufmacht, aus dem Alltag heraustritt und unterwegs ist. Es ist auch nicht nur Bewältigung von Mühe und Erweis von Kraft und Ausdauer. Es ist nicht nur die Erfahrung von Gemeinschaft und gegenseitigem Vertrauen. Es hat durch die Gestalt des Apostels Matthias wesentlich etwas mit Jesus zu tun und mit seiner verborgenen Gegenwart in unserem
Leben und mit der Gemeinschaft aller, die an ihn glauben, die wir Kirche nennen.
Die beiden Worte zusammen genommen sind ein Anstoß, darüber nachzudenken, wie der Pilgerweg einen Platz im Herzen haben kann. Welche Gedanken und Empfindungen werden dadurch ausgelöst? Welche Konsequenzen hat das für das konkrete Leben? Kann die Wallfahrt nach St. Matthias – im Herzen des Pilgers – etwas bewirken, das über die Tage des Pilgerns hinausgeht?
Vielleicht kann auch darüber nachgedacht werden, wie andere Pilgerwege im Herzen sein können, sogar der Pilgerweg des eigenen Lebens. Denn für die Christen der Alten Kirche sind wir alle Pilger. Und das Konzil hat die Kirche als das pilgernde Volk Gottes bezeichnet.

Liebe Mitglieder der St. Matthias-Bruderschaften und Pilgergruppen, lassen Sie sich anregen, über diese Bildworte nachzudenken. Die drei Weisen aus dem Osten, von denen die Geschichte im Matthäusevangelium erzählt, hatten ihren Pilgerweg im Herzen, und sie fanden das Ziel ihrer Sehnsucht, das Licht für die Völker und das Licht ihres Lebens.
Bruder Athanasius

Pilgerwege des Herzens (c) Abtei St. Matthias