„Krüz voraan!“ - Auf Pilgerwegen durch die Eifel

Do 30. Nov 2006
Sabine Zorn
Seit fast 15 Jahren gibt es einen guten Kontakt zwischen dem Pastoralkolleg der Evangelischen Kirche von Westfalen und der Benediktinerabtei St. Matthias in Trier. Jahr für Jahr findet eine Fortbildung zum Thema Gebet in diesem Kloster statt, in dem seit 1127 die Reliquien des Apostels Matthias aufbewahrt werden. Dabei war immer wieder die Wallfahrt zum Apostelgrab ein Thema, an der jährlich Tausende von Pilgern aus der Eifel und vom Niederrhein teilnehmen. Langsam reifte die Idee, auch einmal im Rahmen eines Pastoralkollegs nach St. Matthias zu gehen und selbst die Erfahrung zu machen, „mit den Füßen zu beten“.

Am 9. Oktober 2006 war es dann so weit. Elf Pfarrerinnen und Pfarrer aus Westfalen trafen sich in Blankenheim mit Br. Hubert Wachendorf OSB, dem Pilgerpfarrer aus St. Matthias. Ebenso dabei waren Mitglieder verschiedener Matthias-Bruderschaften, die die Begleitung auf den Pilgerwegen, den Gepäcktransport und die Verpflegung unterwegs sowie die möglicherweise nötige Fußpflege übernehmen wollten. Um es auf den Punkt zu bringen: Ohne die katholischen Geschwister wäre dieser Weg nicht im Entferntesten das gewesen, was er im Laufe der Tage wurde. Wir haben ihnen viel zu verdanken, weit über die erwähnte Unterstützung hinaus.

Nach einem unerwarteten und sehr freundlichen Begrüßungsabend bei der Blankenheimer St.-Matthias-Bruderschaft begann die Wallfahrt mit einem Abendmahlsgottesdienst in der Evangelischen Kirche zu Blankenheim. Daran schlossen sich die ersten 25 von insgesamt 100 Kilometern an. Die Gruppe lief sich ein, wuchs zusammen, machte Erfahrungen mit Beten und Schweigen, Singen und Gesprächen auf dem Weg. „Krüz voraan!“ – „Kreuz voran!“ das war der Ruf, der nach einer Pause oder einem kurzen Halt an einem Wegkreuz oder einer Kapelle alle wieder auf den Weg brachte. Das Kreuz wird auf der Wallfahrt voraus getragen, alle gehen hinterher, lassen sich auf schwierigen Wegstrecken davon „ziehen " oder tragen es selbst und finden dabei neue Kraft.

Vier Tage und gut 100 Kilometer – das war das Programm in Zahlen. Aber was es bedeutet, sich auf einen solchen Weg zu machen, haben wir erst im Lauf dieser Zeit gemerkt. Der Alltag tritt zurück, der Weg und das Miteinander in der Gruppe werden wichtig. Noch ist das Ziel weit weg, fast unwirklich. Was unterwegs geschieht, bekommt seine eigene Tiefe. „Krüz voraan!“ bedeutet auch, sich zu konzentrieren auf Fürbitte und Gebetsanliegen. Es bedeutet sowohl Nachdenken über sich selbst wie auch das Gespräch mit anderen, die den gleichen Weg gehen. Oft geschieht es, dass jemand nicht mehr gut gehen kann, dass Müdigkeit oder Schmerzen die nächsten Schritte beschwerlich machen. Dann tut es gut, wenn jemand neben einem geht, etwas erzählt, nachfragt, einfach im gleichen Tempo mitgeht: überraschende Partnerschaft auf Zeit. Unsere katholischen Begleiter haben uns viel erzählt über ihre Erfahrungen auf vielen Wallfahrten. Sie haben uns mit hinein genommen in diese für uns ungewohnte Ausdrucksform des Glaubens. Und uns damit ein großes Geschenk gemacht. Denn vom Kopf in den Körper zu kommen und den Glauben leiblich zu erfahren, das ist ungewohnt für Protestanten.

Vier Tage und gut 100 Kilometer später die Ankunft. Die letzten Kilometer von den Höhen der Eifel hinunter nach Trier waren fast ein Schock. Aus der Stille der Natur gerieten wir in den Lärm der Stadt. An der Mosel entlang vom Norden in den Süden Triers – eine letzte kilometerlange Strecke, die geprägt war von der Vorfreude, anzukommen und gleichzeitig der Vorstellung, die letzten Meter vielleicht nicht mehr zu schaffen. Und dann geschah es tatsächlich: Wir kamen an! Die Glocken von St. Matthias hießen uns ebenso willkommen wie Abt Ignatius Maaß, der uns im Vorhof der Abtei begrüßte und in die Basilika zur Begrüßungsandacht einlud. Kein Wunder, dass es Tränen gab, Tränen der Erleichterung und der Bewegung, des Angerührtseins von einer Erfahrung, für die es keine konfessionellen Grenzen geben muss. Angekommen nach einem Weg, den schon so viele gegangen sind, der für uns Evangelische aber etwas ganz Neues war. Willkommen geheißen hat uns auch die Trierer Bruderschaft mit einem Glas Wein und einem Imbiss nach der Ankunft. Danach blieben uns noch fast zwei Tage im Kloster, um die vielfältigen Erfahrungen nachklingen zu lassen. Sie werden uns noch lange begleiten, denn es gibt auch die Wallfahrt nach der Wallfahrt, wie unterschiedlich sie für jeden einzelnen auch sein mag. Eins ist sicher: Dieser Weg bleibt nicht ohne Folgen, denn er hat uns neu die Gemeinschaft bewusst gemacht, auf die die Figur des Apostels Matthias im Westwerk der Abtei mit einem Zitat aus dem Johannesevangelium hinweist: „Ihr seid meine Freunde.“